Erschrecker gesucht

Vita
Texte lesen
Bilder ansehen
Presse
Kontakt

 

 

erschienen in Süddeutsche Zeitung

 

 

 

 

Erschrecker gesucht

 

Die Stahltür öffnet sich knarrend. Dahinter ein langer Gang, staubig, halbdunkel, drei schiefe Baumstämme im Nebel, irgendwo heult einer zum Gotterbarmen. Um die Ecke moosbewachsene Grabsteine, kaum zu erkennen in der fensterlosen Finsternis. Langsam hebt sich eine schwere Platte aus dem Gras. Kriecht darunter eine blutende Hand hervor? Schnell raus. Schnell wieder zu mit der knarrenden Tür. Schnell wieder runter.

 

Da steht Marlit Friedland, Betreiberin des Berliner Gruselkabinetts und lächelt nicht. "Könnten Sie sich vorstellen, da oben zu arbeiten?"

 

Da oben, im ersten Stock eines ehemaligen Luftschutzbunkers ist der Arbeitsplatz des Erschreckers, den das Gruselkabinett per Stellenanzeige sucht. 18-20 Jahre, männlich, ungelernt. 40-Stunden-Woche. Gehalt 2500 DM brutto. Viele Leute haben angerufen und heute stellen sich stündlich welche vor.

 

Was muss ein Erschrecker können? "Er muss in der Lage sein, aus sich herauszugehen. Er braucht Sicherheit im Auftreten. Er darf nicht größer als 1,90 sein, weil er sich sonst den Kopf anstößt."

 

Zu viele Voraussetzungen sind das nicht. Trotzdem ist es schwer, jemanden zu finden. Einer war zwei Jahre hier, der war sogar mal bei Stefan Raab, aber er hat sich in eine Besucherin verliebt, und jetzt ist er fort. Der nächste blieb gerade vier Monate. "Es braucht sechs Wochen, bis man das Erschrecken gelernt hat. Bis dahin gibt es so und so viele Besucher, die nicht gekreischt haben." Außerdem war er blind wie eine Wühlmaus. "Haben Sie schon mal einen Geist mit Brille gesehen?" Wenn er keine scharfen Augen hat, kann er oben im düsteren Trockeneisnebel, zwischen blendenden Lichtern die durchbohrten, in Ketten hängenden Horrorgestalten nicht von den Besuchern unterscheiden. Und rennt womöglich gegen eine schwarze Wand, anstatt sich von der Dunkelheit verschlucken zu lassen.

 

Marlit Friedland beschäftigt sieben Teilzeit-Erschrecker, meistens Studenten. "Die sind nicht schlecht", sagt sie. "Intelligenz kann nicht schaden und Kreativität schon gar nicht." Zwei aus der "Skeleton-Crew" verschwinden gerade grüßend im Personalraum. Als sie wieder auftauchen, hängt ihnen ein schwarzes Mäntelchen vom Rücken und in den Händen halten sie zusammengesunkene Teufelsfratzen aus Gummi. Das schwarze Mäntelchen tragen auch Marlit Friedland und ihr Mann den ganzen Tag. Es lässt sie alle etwas bucklig erscheinen, selbst wenn sie es nicht sind.

 

Das Büro. Auf dem Schreibtisch drei Totenköpfe, auf dem Schrank eine Streitaxt, ein abgetrennter Fuß. An der Garderobe baumelt ein Phosphor-Skelett. Auf einem Stuhl in der Ecke ein potentieller Erschrecker, 25 Jahre alt, keine Ausbildung. Davor steht Frau Friedland und schaut ihn zweifelnd an. "Keine Zeugnisse? Keine Bewerbungsunterlagen?" Der junge Mann senkt die Augen nicht, lächelt und schüttelt den Kopf. Frau Friedland blickt auf ihn herab. "Weshalb wollen Sie ausgerechnet hier arbeiten?"

 

Der junge Mann braucht lange für die Antwort: "Ich wollte früher schauspielerisch was machen, aber ich bin nicht dazu gekommen."

 

"Mit 25 Jahren zwölfmal umgezogen? Und jetzt wollen Sie bleiben?"

Pause. "Genau."

 

"Jut. Jut." Frau Friedland steht auf. "Sie brauchen das nicht fertig auszufüllen. Telefonnummer reicht. Ich rufe Sie an."

 

Die Tür schließt sich. Frau Friedland gräbt ihre Hände in die Haare. "Wenn doch einer dabei wäre, der wenigstens mal ein Jahr bei Aldi gearbeitet hat oder bei Karstadt. Damit man sieht, dass er Ausdauer hat. Aber nichts. Nur solche."

 

Eine Frau mit einem Eimer in der Hand steht in der Tür. "Kann ich jetzt hier wischen?"

 

"Das ist Dracula, unsere Putzfrau. Wenn sie oben wischt, läuft sie rot an und sagt zum Skelett: Mein Freund. Aber allein geht sie nicht hoch. Sie wischt nur, wenn alle da sind."

 

Oben, wie ist es nun oben? Folgen wir einer 9. Schulklasse.

 

Sie warten in einer Schlange auf der Treppe. Die quietschende Stahltür öffnet sich, heraus heult der Wind. Die Schüler drängen alle auf einmal durch, die Tür fällt zu. Es dauert nur Sekunden, da dringt ein mehrstimmiges Hochfrequenz-Kreischen durch die 2,65 Meter dicken Wände. Die Tür fliegt auf. Drei Mädchen mit pulsierenden Gesichtern und fliegendem Atem stehen wieder draußen. "Dat is soo´n Ekel da drin!"

 

"Ihr seid ja bescheuert!", höhnen die Jungen. "Jetzt gehen wir!" Sieben Jungs treten mutig dem Horror entgegen. Zuckendes Licht fällt auf eine mittelalterliche Beinamputations-Schlächterei, lackrotes Blut läuft die Wände herunter. Wem ein Lichtstrahl blendend ins Auge fällt, taumelt. Es riecht muffig, kühl. Drei riesige Schauergestalten stehen reglos im Nebel. Ein blonder Junge mit Technohaarschnitt streckt die Hand aus: "Die sind doch aus Plastik!" Jein. Einer nicht. Der breitet plötzlich beide Arme aus, zischt dem Jungen ins Gesicht, streift ihn mit dem schwarzen Mäntelchen. "Wo ist er hin?" Die Jungenherzen jagen. Verschwunden, mit der Wand verschmolzen, spurlos. Sie hören nur Heulen und Zähneknirschen, Fauchen und Stöhnen und Gluckern.

 

Bis die nächste Schulklasse kommt, ist Zeit genug für ein Glas Schlangengift im Café mit Karl-Heinz Bergt, 23, Biophysik-Student. "Abergläubisch sollte man für so einen Job nicht sein, aber absolute Furchtlosigkeit ist auch nicht nötig. Man stumpft von allein ab. Wenn man den ganzen Tag da oben ist, gewöhnt sich das Auge und man sieht alles."

 

"Du musst Power geben", sagt er. "Wenn Du hinter einer Mauer hervorpreschst, darfst Du keine Angst haben, Dich zu blamieren, sonst zögerst Du zu lange." Ist das nicht ein idealer Job, um Aggressionen auszutoben? "Ganz bestimmt nicht. Das schafft kein gutes Klima, das merken die Besucher."

 

Karl-Heinz Bergt sieht nett aus. "Das macht nichts", sagt er, "wir tragen alle Masken. Trotzdem mache ich Grimassen, weil sich das auch auf die Körperhaltung überträgt. Und ich brülle, röchele, trampele, halt alles, was der Körper so hergibt. Nur eins nicht ..." Er macht eine Pause. "Im Personalraum hängt ein Schild: Bedenken Sie, dass Sie ein Geist sind. Geister sprechen nicht. Und wir berühren niemanden. Ich streife sie höchstens mit dem Umhang."

 

Gibt es Leute, die sich nicht erschrecken? "Männliche Einzelpersonen um die 35 und bestimmte Schulklassen mit vielen Jungen. Die drehen sich sogar um und greifen an, als wenn sie im Krieg wären. Frauen erschrecken sich lauter als Männer. Sie springen zurück und klammern sich fest, kreischen viel mehr, fuchteln herum."

 

Michael Müller, 31, Graphik-Student, kommt dazu. "Schwarzafrikaner zum Beispiel sind sehr ängstlich. Italiener bleiben eher ruhig. Holländer auch. Und je ängstlicher ein Besucher ist, desto schlimmer erschrickt er. Wenn die Mädchen sich gegenseitig anstecken, gibt das eine Kettenreaktion ...! Aber wenn jemand zu weinen beginnt, ziehen wir uns zurück. Wir sind zwar technisch nicht so hochgerüstet wie Disneyland, aber arbeiten viel wirksamer als Maschinen. Die sind berechenbar. Wir nicht. "

 

Frau Friedland schlurft durch den Gang. Ihr schwarzes Mäntelchen weht hinter ihr her. Vier Bewerber heute, keiner geeignet.

 

Hätten Sie nicht Lust?

 

 

© Gabriele Bärtels 2007 ---------------------------------------------------------------------- Das Kopieren des Textes ist nicht erlaubt.