Der Mensch als Faktor

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erschienen im TAGESSPIEGEL

 

 

 

 

Reportage aus dem Fernsehen

 

Herr Professor Bofinger und Herr Professor Sinn sind Wirtschaftsexperten mit gegensätzlichen Positionen. Man lässt sie im Fernsehen gern aufeinander los, weil sie sich so herrlich mit Zinsen und Kurven beharken, zum Beispiel zum aktuellen Dauerbrenner „Arbeitslosigkeit und Depression“. Doch die Berliner-Phoenix-Runde mit der Moderatorin Gaby Dietzen ist für drei Gäste konzipiert, also lädt die Redaktion noch einen Betroffenen dazu - einen Menschen, der unter dem Thema leidet, das die Experten eher beruflich beschäftigt.

 

Im Fernsehen war der Mensch zuvor nur mal fünf Minuten, hat aber über ein Jahr von Sozialhilfe gelebt, und auch jetzt verdient er sein Geld als Freiberufler eher sporadisch. Wie es weitergehen soll, fragt er sich bei jedem Zähneputzen. Über das in Aussicht gestellte Honorar von 260 Euro freut er sich sehr.

 

Ihm klopft das Herz, als er die namhaften Fachleute und Frau Dietzen in der Maske begrüßt, doch er denkt sich, dass er das, was er am Küchentisch feurig vortragen kann, hier wohl auch los wird, denn er ist ja ausdrücklich eingeladen. Zum Beispiel hat der Mensch das Gefühl, dass Politiker und Wirtschaftsexperten ihn nur als statistische Größe wahrnehmen. Er will betonen, dass es keine statistische Größe ist, mit Hartz IV auszukommen, sondern ein alltägliches, mühseliges Schicksal, in dem man ohne Aussichten weit zu Fuß laufen muss. Da kann man schon mal in eine Depression verfallen und wenig Kauflust entwickeln, zumal man kaum registriert wird, denn man kommt ja millionenfach vor. Der Mensch will davon reden, dass sein persönliches Antidepressivum ist, lieber umsonst zu arbeiten als gar nicht, weil man schließlich nicht erst langweilig aus dem dunklen Keller kommen kann, wenn oben doch mal einer mit einem Auftrag klingelt.

 

Vor der Sendung sitzt man in der Maske bei Fingerfood und Softdrinks zusammen. Herr Professor Bofinger stöhnt darüber, dass er den Rest seines Lebens mit Journalisten verbringen könnte, nähme er jeden Interview-Antrag an, wirkt aber nicht unglücklich. Er erwähnt, dass er neulich wieder beim Kanzler war und verrät private Kleinigkeiten über Rürupp. Herr Professor Sinn nimmt eine schwere Aktentasche auf den Schoß. Nach der Sendung fliegt er direkt nach Luxemburg. Beide suchen höflich den Blickkontakt mit dem Menschen, aber sie können sich schon hier kaum bremsen aufeinander loszugehen, denn sie haben vielfach referierte, statistisch haltbare, kurvenreich nachweisbare, äußerst hochrechnerische, völlig unterschiedliche Visionen von der Heilung der deutschen Depression.

 

Frau Dietzen nippt an einem Orangensaft. Sie diskutiert viermal die Woche mit solchen Gästen über die neueste politische Misere, und es ist ihr Job, Abstand zu wahren. Die Handflächen des Menschen kleben auf dem Ledersofa. Er wünscht sich, dass sie etwas von ihm wissen wollte, zum Beispiel, wer er eigentlich ist, denn sie kennt er aus dem Fernsehen einigermaßen. Um die drohende Stille zu überbrücken, fragt er, wie viel Zeit sie täglich im Sender verbringt. Frau Dietzen antwortet bereitwillig, mehr aber auch nicht. Der Mensch fremdelt.

 

Mit Mikrofon gespickt wandert man ins Aufnahmestudio, das die Außenwelt verschluckt und alles auf den halbrunden Tisch konzentriert. Man setzt sich dahinter und macht noch fünf Minuten Scherze, bis Maskenbildner, Beleuchter, Tontechniker die Szene fertig eingerichtet haben. Für alle ist es daily business, nur für den Mensch nicht. Er stört sich an der Holzverkleidung vor seinen Füßen. Als das Phoenix-Jingle erklingt, wähnt er sich einen Augenblick zuhause vor der Glotze, doch diesmal ist er drin.

 

Sein schlagartig einsetzendes Blutrauschen übertönt die einleitenden Worte, die Gaby Dietzen in die Kamera spricht, und der Mensch erinnert sich noch gerade, wohin er gucken soll, wenn sein Name fällt. Er legt seine Hände betont locker in den Schoß, als die ersten Fragen an die Herren Professoren gehen und stellt fest, dass die beiden sehr viele Zahlen auswendig kennen müssen. Sie laden sie quasi als Munition und schießen sie ohne Präliminarien sofort über den Tisch. Der Bürger kommt nur in einer Form vor: Er ist die Variable, die spart oder konsumiert.

 

Dann wendet sich Frau Dietzen an den Menschen. Ihre Frage vergisst er im gleichen Tempo, wie sie sie stellt. Jetzt begreift er erst, dass hunderttausend Zuschauer vor dem Bildschirm sitzen. Sein Stuhl verschwimmt zu Lava, er rudert durch ein glühendes Meer und würde seinen sofortigen Untergang sehr begrüßen. Durch lodernde Wellen ruft der Mensch seine Botschaft ins Fernsehen, doch ihm ist nicht klar, welche Teile davon er wirklich ausspricht und ob in der richtigen Reihenfolge. Als er zum Stillstand gekommen ist, geht das Gefecht der Experten in die zweite Runde, nach ihm sehen sie sich nicht um. Was sie wirtschaftspolitisch behaupten, kann der Mensch nicht entziffern, denn mehr als 25 Prozent Buchstaben enthalten ihre Schleudersätze nicht. Er fühlt sich wie ein Patient, über dessen kranken Körper sich Medizinersprache ergießt, von der er nur hoffen kann, dass sie wirkt.

 

Dem Menschen schießt durch den Kopf, dass er hinzufügen möchte, dass viele Arbeitslose rapide an dem Selbstbewusstsein verlieren, von dem die berufstätigen Dietzen, Sinn und Bofinger einiges haben, doch das scheint ein deplatzierter Gedanke zu sein. Er grinst blöde, während die Professoren mit Prozenten aufeinander schießen, wühlt in seiner Gehirn-Lava nach einer klügeren Bemerkung, ahnt, dass Frau Dietzen ihn wieder etwas gefragt hat, doch hat er geantwortet? Er erinnert sich nicht. Ihm wird klar, dass er sich lächerlich macht, und damit das nicht so weh tut, schaltet er sein Bewusstsein schon vor dem Ende der Sendung aus.

 

Als die Kameralichter verlöschen, stellen die Professoren Bofinger und Sinn ihr Zahlenbombardement ein. Alle nesteln die Mikrofone aus der Kleidung und gehen ab.

 

Der Mensch sieht sich die Sendung zuhause nicht an, denn er fühlt schon von innen, dass er den gelähmten Arbeitslosen par excellence dargestellt hat und muss sich das nicht noch vor Augen führen. Was die Professoren gegen sein Leiden unternehmen wollen, wurde ihm nicht klar. Was er tut, um sich selbst zu helfen, hat Frau Dietzen nicht gefragt. Von einer Aushilfskraft des Senders erhält er eine Dankes-Mail.

 

© Gabriele Bärtels 2008 -----------------------------------------Das Kopieren des Textes ist nicht erlaubt.