Hochzeit oder Tod

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erschienen in CICERO

 

 

 

 

Reportage aus dem Mittelalter

 

 

In Deutschland wird die romantische Liebe plakatiert. Man heiratet nur wegen ihr und lässt sich aus Nichtliebe wieder scheiden. Das Ideal ist das große, rote Herz. Und wer nur Sex will – bitte sehr – anschauen, anfassen kann man auf jedem Marktplatz, wir sind ein freies Land, und die Frau macht´s nicht länger für die Männer, sondern für die Selbstverwirklichung.

 

Durch diese Welt läuft auch das türkische Mädchen Ayten. Sie ist zwanzig Jahre alt und noch immer nicht mit der Schule fertig, doch eins hat sie ihren Mitschülern voraus: Sie ist seit drei Jahren verheiratet. Sie möchte die Ehefrau abstreifen wie einen zu engen, dreckigen Pullover, und so sein wie die anderen in der Klasse: In Jeans, Flirt-SMS schreibend, einen Ausbildungsplatz suchend. Die Scheidung läuft, doch das nimmt Ayten die Angst nicht.

 

Es ist die Angst davor, erschossen zu werden. Vielleicht vom Bruder, vielleicht von Halis, ihrem türkischen Gatten, der ohne Heiratsurkunde nie nach Deutschland gekommen wäre. In den Augen von Aytens Familie wäre dies ein verzeihlicher Ehrenmord. Aytens frisches Gesicht, ihre modische Frisur, ihre Lachlust passen gar nicht zu der Tatsache, dass sie auf der Flucht ist. Ihren wahren Namen werden wir nicht erfahren, auch nicht den der Kleinstadt, in der ihre Eltern und ihre Geschwister wohnen, die sie liebt und eigentlich braucht, aber der Preis für ihre Nähe ist zu hoch.

 

Der Beginn der Geschichte reicht weiter zurück als Aytens zwanzig Lebensjahre. Es ist die Geschichte einer Tradition arrangierter Ehen, die bis vor 200 Jahren auch in Deutschland noch verbreitet waren. Überlebt haben sie in muslimischen Gesellschaften, aber auch bei den Roma, in Bosnien, Indien, bei den Mormonen und überall auf der Welt, wo die Ehre der Familie einen höheren Wert hat als die Rechte ihrer Einzelteile und einen absoluten gegenüber dem Willen einer Tochter, die dazu geboren wurde, dem Mann zu dienen. Ihre Unschuld ist die Ehre der Familie, ihre Persönlichkeit ein zu vernachlässigender Punkt.

 

Sie wird verheiratet, um einen Brautpreis zu erzielen, Familien zu verbinden, einem Mann den Weg nach Deutschland zu ebnen oder um die Verantwortung für ihr Wohlverhalten loszuwerden. Und wenn sie nicht folgen will, muss sie fühlen: Gewalt, Isolierung, psychischen Druck. Das Ganze nennt man dann Zwangsehe und macht sich doch kein Bild von den Folgen der lebenslangen Inbesitznahme der weiblichen Seelen und Körper, denn die findet unter Schleiern und hinter Wohnungstüren statt.

 

Deutschland ist ein gefährliches Pflaster für diese Tradition, die nur mit willenlosen Töchtern zu bewerkstelligen ist. Die Mädchen haben Augen und Ohren. Wenn sie in die Schule gehen, lernen sie auch noch Deutsch wie Ayten, die kaum türkisch kann, während zuhause weiterhin die alten Gesetze der Heimat ihrer Eltern gelten. Ein krasser Gegensatz, dem sich das Zuhause erbittert entgegenstemmt.

 

Wie viele streng muslimische Männer hatte darum auch Aytens Vater seine Braut als junges Mädchen aus der Türkei geholt – gänzlich unverdorbene Ware - eine im richtigen Sinne erzogene, „saubere“ Frau, die nie etwas anderes als ihre Aufgaben und Grenzen gekannt hatte. Die Grenze ist das Haus. Die Aufgabe ist, es zu putzen, Kinder hineinzusetzen, den Ehemann darin zu erwarten. Die Landessprache müssen die Frauen dafür nicht beherrschen. Je weniger sie von der Außenwelt wissen, desto besser für den Familienfrieden. Auch Aytens Mutter spricht bis heute nur gebrochen Deutsch.

 

Ein Schicksal, das eine unbekannte Zahl Migrantinnen in Deutschland unsichtbar teilt. Wer durch Berlin-Wedding wandert und an den Wohnhäusern hochsieht, wird solche Ehe-Sklavinnen und Töchter doch entdecken. Sie stehen im Halbschatten hinter Fenstern, oder schütteln mit bloßem Arm zwischen Vorhängen ein Staubtuch aus. Sie haben blasse Gesichter und jede Bewegung auf der Straße erregt ihr Interesse. Nur zum Einkaufen verlassen sie das Haus, mit ihren typisch schweren, wiegenden Schritten unter knöchellangen Mänteln. Sonst werden sie dort oben gut aufbewahrt, denn sie stellen Besitz dar, der – wie andere Gegenstände auch – unbenutzt höhere Preise erzielt. Es sind nicht nur die Männer, die diese Ansichten weitergeben: In Aytens Familie war es die Mutter, die alle wichtigen Entscheidungen traf.

 

Ayten musste nie ein Kopftuch tragen. Aber: „Jedes Wochenende wurden wir in die Koranschule geschickt.“ Die türkische Gemeinde in der Kleinstadt war nicht groß, daher hatte Ayten kaum türkische Freundinnen. Zu Kindergeburtstagen deutscher Mitschüler durfte sie nicht gehen. Sie durfte auch niemanden einladen. Durch das Fenster sah sie ihre Brüder um die Wette rennen. Die Mutter schlug zu, weil sie in der Küche so ungeschickt war.

 

Nur in der Schule wurde Ayten lebendig. „Es war der einzige Ort, wo ich sein konnte, wie ich wollte“ - wie die Klassenkameradinnen eben: Laut und frech, mit Jungs raufend, lernbegierig und Popstars anhimmelnd. Wie streng es daheim zuging, darüber sprach Ayten nicht. Im Klassenzimmer der Adventskalender, die Weihnachtsfeier, Ostereier – alles Dinge, die sie nicht hatte und sich nicht wünschen durfte, geschweige denn ein Handy. Dicke Freundschaften konnte sie so nicht schließen.

 

Zuhause fehlte jede Anregung. Ayten sackte täglich in den gleichen Sessel. Es blieb ihr nur „vierundzwanzig Stunden“ fernzusehen. Ihren Konsum kontrollierte niemand. „Da habe ich einiges mitgekriegt.“ Das war die Zeit, als Container-Bewohner vor Kameras unter Bettdecken kopulierten. Doch Ayten hatte von so was nichts zu wissen. Schließ die Augen und denk an Allah – mehr hatte ihre Mutter auch nicht erfahren und das frühestens in der Hochzeitsnacht.

 

Als sie vierzehn wurde, eskalierte die Situation. Die Mädchen in der Schule trugen Rosa und bauchnabelfrei, färbten sich Strähnchen ins Haar und quetschten sich in die engsten Hosen. Aytens Körper bedeckte dunkles, weites Zeug. Nachmittags wollte sie sich aus dem Haus schleichen, sich der Kleinstadt-Jugend anschließen, heimlich eine rauchen. Sie büßte es mit Prügel und krümmte sich, bis die Schmerzen vergingen, ließ sich von ihrer Schwester Eisbeutel bringen, der es nicht besser erging. Sie berieten sich flüsternd.

 

Ohne ihre Schwester hätte nie Ayten Hilfe gesucht. Gemeinsam gingen sie dann aber in die Sprechstunde einer Vertrauenslehrerin. Sie zeigten ihr die Prellungen. Das Jugendamt wurde eingeschaltet.

 

„Unsere Eltern haben die Schläge vor dem Amt nicht bestritten“, sagt Ayten. „Sie denken noch heute, sie täten das Richtige.“ Das Sorgerecht wurde ihnen jedenfalls vorläufig entzogen. Ayten und ihre Schwester zogen in eine betreute Wohngemeinschaft, doch Aytens Schwester ging nach wenigen Wochen nach Hause zurück. Beides war keine Lösung für den Konflikt, der in ihnen schwelte. Warum ist auch Ayten nach fast zwei Jahren heimgekehrt?

 

„Weil ich nicht mehr allein sein wollte. Egal was Deine Familie tut, sie ist Deine Familie.“ Die Prägung sitzt bei jedem Menschen, wie viel tiefer noch in einem Mädchen, dem von Geburt an eingeschärft wurde, ein Mittel zum Zweck zu sein. Die Eltern selbst nahmen keinen Kontakt zu Ayten auf, doch sie schickten ihre kleine Geschwister vor, auch die Schwester drängte. „Und sie wollten mich ja nicht mehr schlagen.“

 

Es war schön, wieder zuhause zu sein. Die Eltern machten es Ayten leicht. „Sie taten, als wäre ich nie weggewesen. Ich durfte nachmittags raus und meine neuen Freunde besuchen.“ Von ihrem deutschen Freund sprach sie nicht, traf ihn heimlich und dachte, damit wäre alles geregelt. Doch eine Sechzehnjährige hat keine Vorstellung vom langfristigen Denken ihrer Eltern, noch weniger von der Reichweite und der Zähigkeit einer jahrhundertalten Übereinkunft gegen ihr gesamtes Geschlecht.

 

Die große Freiheit endete ein Jahr später in den großen Ferien bei Onkel und Tante auf dem türkischen Dorf, das Aytens Kindheit über nie mehr als ein exotisches Ferienziel gewesen war. Die Eltern waren schon vorausgeflogen. Ein Fremder holte Ayten vom Flughafen ab. „Ich dachte, es sei irgendein Kousin.“

 

Bei den Verwandten angekommen, eröffneten ihr die Eltern, dass sie diesen Mann heiraten müsse. Nach der Hochzeit werde Halis mit nach Deutschland kommen. Er war kaum älter als sie, ein linkischer Dorfjunge. Die Verwandten standen herum und nickten, wahrscheinlich hatten sie für die Braut und die Chance des Sohnes bezahlt. Ayten heulte, aber das rührte die Eltern nicht. „Du musst ihn heiraten, oder Du kommst hier nie wieder weg“, bestimmte ihre Mutter.

 

Üblicherweise leben die Geschlechter hier außerhalb der gemeinsamen Essen streng getrennt, doch die Eltern zwangen Ayten, Zeit mit Halis allein zu verbringen. Anfangs weigerte sich Ayten, ihren Verlobten zur Kenntnis zu nehmen. „Im Kino hat er versucht, mich anzumachen, aber weiter ging er nicht.“ Dann versuchte sie, Halis zu erklären, dass sie ihn nicht liebte, doch ihr Türkisch reichte nicht. Sie probierte es vergeblich mit Schulenglisch. „Er fragte nur immer wieder: Warum willst Du mich nicht?“

 

Auch die jungen Kousinen konnten sie nicht verstehen: „Sie glauben, dass Deutschland das gelobte Land ist. Sie würden jeden Mann heiraten, der sie hinbringt.“ Ayten gab es auf. „Ich war gewohnt, dass niemand auf mich hört.“

 

In einem türkischen Dorf kann man nicht einfach in eine U-Bahn steigen und abhauen. Als ihre Verwandten sich versammelten, und ein alter Mann ihr ein Papier vorlegte, begriff Ayten noch nicht, dass sie sich schon mitten in ihrer eigenen Hochzeit befand. Sie unterschrieb einen türkischen Text, den sie nicht lesen konnte. Nur das mit dem Ehering verstand sie. Sie saß in ihrem Zimmer und weinte, während es eine kleine Feier gab. Die richtige, große Hochzeit sollte noch folgen. Ayten dachte an ihren deutschen Freund, nickte zu allem und hatte nur noch eins im Sinn: „Hauptsache zurück nach Deutschland.“ Am nächsten Tag sollte sie fliegen.

 

Es war eine Papierheirat, die Hochzeitsnacht fiel aus, Halis blieb vorläufig in der Türkei zurück, Ayten ließ ihren Ehering im Flugzeug hinter den Sitz gleiten und glaubte, sie hätte den Albtraum abgeschüttelt, als sie wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte.

 

Der Druck ihrer Eltern blieb genauso stark, wie Ayten ihn gerade noch ertragen konnte. Nein, sie müsse ihren Mann nicht nach Deutschland holen, wenn sie unbedingt nicht wolle, aber wenigstens beim Standesamt ihren Namen ändern lassen. Man könne ja eine Scheidung erwägen, aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Wie sollte man das den Verwandten in der Türkei erklären? Ayten ließ sich wie gewohnt beschwichtigen.

 

Sie konnte nicht ahnen, dass ihre Schwester ihre Ehe-Papiere an sich gebracht und unter ihrem Namen eine Einreisegenehmigung für Halis beantragt hatte. Als er fünf Monate später vor der Tür stand, erschien er Ayten wie ein Geist aus einem verblassten, bösen Traum. „Es ist das Richtige“, rechtfertigte sich die Schwester mit fester Stimme.

 

Ayten drohte, sofort das Haus zu verlassen. Die Eltern gaben eine Handbreit nach. „Er muss ja nicht bei uns leben, aber lass ihn erst mal in Deutschland bleiben.“ So bezog Halis eine Wohnung in der Nähe. Ayten besuchte ihn nicht, bombardierte die Eltern mit Scheidungswünschen, schlich sich zu ihrem Freund, ihrem einzigen Halt, wollte immer noch nicht sehen, dass der Kreis ihrer Familie gleichzeitig Feindesland war.

 

Es ist wie in einem schlechten Film: Trotz der Warnung ihres Freundes ließ sie sich zu einem Kurzurlaub mit einer Kousine an die türkische Riviera locken, dabei hätte es sie misstrauisch machen müssen, dass ihre Eltern das erlaubten. Am Ende einer sorglos sonnigen Woche durchwühlte sie alle Taschen nach ihrem Pass, doch der blieb verschwunden.

 

Die Kousine tat erschrocken. Sie setzte Ayten in einen Bus in Richtung Heimatdorf und flog nach Deutschland zurück. Einen Tag lang fuhr Ayten durch die fremde Türkei ihren Verwandten und Schwiegereltern entgegen. Sie würde in der Schule nicht mehr mitkommen, wenn sie so viel Stoff verpasste, dachte sie, während der Bus über unebene Wege in ihr zukünftiges Gefängnis rumpelte. Wo hätte sie aussteigen sollen, ohne Geld, ohne Sprache, ohne Pass?

 

Die Verwandten auf dem Dorf empfingen sie wie eine langvermisste Tochter: „Alle tun so, als ob sie Dich lieben. Aber sie zeigen Dir, dass Du ihre Ehre befleckt hast. Ich wurde in mein Zimmer verbannt. Die Kousinen durften nicht mit mir reden, ich durfte nicht einkaufen gehen. Einmal holte ich mir trotzdem Kippen. Das habe ich bitter bereut.“

 

Nach Wochen gelang es Ayten, dem Onkel das Handy zu stehlen und ihren Freund anzurufen. „,Ich wollte nur seine Stimme hören. Er konnte ja nichts machen.“ Dann reiste ihre Familie und Halis aus Deutschland an. Die Mutter sagte: „Jetzt feiern wir die richtige Hochzeitsfeier, und Du bleibst endgültig hier.“ Die Verwandten schauten zufrieden - die Ehre war nicht länger in Gefahr. Ayten war klug genug, ihren Widerstand aufzugeben. Sie lächelte Halis zärtlich an.

 

Das Fest war groß, wie in der Türkei üblich. Ein paar hundert Leute tanzten, und die Braut trug weiß. „Sie weint vor Glück“, sprachen die Eltern zu den Gästen. Das Brautpaar saß an einem reich geschmückten Tisch. „Der ganze Kitsch“, sagt Ayten heute abfällig.

 

In der Hochzeitsnacht flüsterte Ayten Halis zu, sie sei Moslem, sie brauche Zeit. „Mein Glück, dass er kein krasser Türke war. Er ließ mich vorerst in Ruhe.“ Sie streichelte den Bräutigam, alles andere versprach sie für später. „Ich wusste, dass ich ihn mir zum Freund machen musste, eine andere Chance hatte ich nicht.“

 

Das Paar lebte nun bei Halis Familie. Alle Zäune waren hoch. Bei der Hausarbeit stellte Ayten sich so dumm, dass die Schwiegermutter auf ihre Hilfe verzichtete. Ein leeres, halbes Jahr lang starrte Ayten auf türkische Flimmerkastenbilder und flehte ihren Gatten an, mit ihr nach Deutschland zurückzukehren. Wenigstens die Schule wollte sie fertig machen.

 

Endlich ließ er sich darauf ein und überzeugte auch ihre Eltern. Vor der Abreise sah er Ayten direkt ins Gesicht: „Machst Du einen falschen Schritt, bringe ich Dich um.“

 

„Pass auf, was Du tust“, warnte auch ihre Mutter zur Begrüßung in Deutschland. Ayten nickte artig, doch sie hatte Zeit genug gehabt, um zu begreifen, dass ihr keine andere Wahl mehr blieb als die Flucht.

 

In ihre Schultasche packte sie ein paar Kleidungsstücke und ihre Papiere und ging am Morgen pünktlich aus dem Haus. Während ihre Familie sie in der ersten Schulstunde wähnte, saß Ayten bei ihrem Freund und suchte im Internet nach Hilfe. Sie fanden die Adresse von Papatya, einer Hilfseinrichtung für muslimische Frauen, die seit zwanzig Jahren ein geheimes Haus für von Gewalt bedrohte Migrantinnen unterhält. Ayten wählte die Notrufnummer. Sie stieg in einen Zug und fuhr in eine Zukunft ohne Familie. Sie ließ einen Brief zurück und versuchte, es mit den Schuldgefühlen genauso zu machen. „Ich liebe meine Eltern, aber sie tun mir nicht gut. Ich hoffe nur, dass meine Geschwister mich einmal verstehen.“

 

Eine kurze Zeitungsmeldung aus dem Land der Großen Liebe: In Berlin wurde die 23-jährige Hatin Sürücü auf offener Straße von ihren Brüdern erschossen. Sie hatte auch gedacht, sie sei entkommen.

 

 

 

© Gabriele Bärtels 2008 ---------------------------------------------------------------------------- Das Kopieren des Textes ist nicht erlaubt.