Gerücht der Liebe

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erschienen in Berliner Zeitung

 

 
 
 
Gerücht der Liebe

 

Die meisten Menschen behaupten, sie wüssten, was Liebe ist, dabei sagen Soziologen, die Liebe sei nur ein Code, auf den wir uns geeinigt haben, um darunter ein Bündel von Gründen zusammenzufassen - vielleicht auch zu verstecken -, das uns dazu bewegt, eine tiefere Beziehung zu einem anderen Menschen, einem Tier, einer Automarke anzustreben. Irgendwelche Gründe muss man ja angeben, wenn es einem den Atem verschlägt.

 

Diese können allerdings sehr irdisch sein, obwohl die Liebe angeblich eine Himmelsmacht ist, die folglich nicht danach schauen sollte, wen sie wie einen Blitzschlag trifft. Wenn das so wäre … weshalb verliebt sich praktisch keine Frau in einen Stadtstreicher? Weil die Liebe, so sie denn überhaupt existiert, eben nicht blind ist, nicht blöde und rein gar nicht selbstlos. Weiter ist interessant, dass man Glaubensbekenntnisse an sie formuliert, während man Empfindungen wie Abneigung, Ärger, Mitgefühl, Rührung einfach hat.

 

In unseren Breiten herrscht das Ideal der romantischen Liebe vor – wobei man erst einmal untersuchen müsste, was denn eine nicht-romantische Liebe sein soll, wenn doch auf allen ein großes, rotes Herz klebt, auch auf der Toscanaliebe und der Bratwurstliebe und der Liebe zu einer Fernsehserie. Die romantische Liebe bedeutet wahrscheinlich, dass die Liebesfähigkeit so lange in uns schlummert, bis der richtige Mensch sie aktiviert. Dann kommt sie zum Ausbruch wie eine Gürtelrose. Ihre Symptome sind Sehnsucht, Appetitlosigkeit, schäumende Glücksgefühle und eine Leidenschaft, die sich nicht scheut, vor der Tür der Zielperson eine Lastwagenladung rote Rosen auszukippen.

 

Es gibt Naturvölker, die würden Sie für meschugge erklärt, wenn Sie sich derart gebärden würden, und in vielen Ländern ist noch heute die arrangierte Ehe die Norm. Doch hier bei uns weiß praktisch jeder Bescheid: Es geht nur darum, um sonst nichts. „Darum“ bedeutet die „Große Liebe“, die Begegnung mit einem Menschen, der für alle Zeiten das Beste in einem hervorbringt. Nur dann hat Liebe sich gelohnt. Häufig wird davon ausgegangen, dass es nur einen auf der Welt gibt, der diese Erfüllung verspricht. Das ist eine wahrhaft schlechte Prognose.

 

Leider beziehen wir unser Wissen über die Liebe weniger aus eigener Anschauung, als wir uns vormachen. Es sind vielmehr allerlei Medien, die unser Bild von ihr prägen. Weil sich mit der Liebe herrliche Geschäfte machen lassen, wird sie ringsum propagiert, reduziert auf ihre allerromantischste Form, das happy never ending. Weihnachten, Kinofilme, Waschmittel-Anzeigen, Groschenromane, umsatzsteigernde Valentinstage, selbst Schnapspralinen werden mit dem Gütesiegel der Liebe belegt, und diese Medienmärchensprache ist das, was die Kinder zuerst lernen. Dabei handelt es sich nur um ausgedachte Sachen von Werbetextern, Drehbuchschreibern, PR-Agenturen, die das Gerücht der Liebe selbst für wahr halten. Umso überzeugender tragen sie es vor.

 

Woran sie uns glauben machen, hatte zu Neandertaler-Zeiten mit der rauen Wirklichkeit nichts zu tun, in der es um Arterhaltung (vulgo: Fressen, Ficken, Familie) ging, jetzt aber sehr viel, denn was so oft behauptet wird, muss es doch verdammt noch mal geben, besonders, wenn es so schön ist, so gottähnlich, so unangreifbar frei von niedrigen Interessen. Doch im Gegensatz zum Tier, das den Jahreszeiten entsprechend vögelt, kann der Mensch in seinem Denken Grenzen überschreiten, die ihm die Wirklichkeit setzt. Weil seine Intelligenz auf Erfindungsreichtum ausgelegt ist, wird er in jedem Vorkommnis automatisch einen Sinn suchen. So hat er sich den Computer und die Liebe ausgedacht.

 

Sie, die nichts als die absolute Verschmelzung gelten lässt, ist also eine kollektive Illusion unserer Kultur, ausgeschmückt mit unwahren Geschichten. Eine Prophezeiung, die sich liebend gern selbst erfüllt: Alle egoistischen Interessen werden unter ihr Dach sortiert, und wenn´s nicht hingehauen hat, sprich: Die Schmetterlinge liegen schon wieder tot auf dem Grund des Magens, dann war gewiss nicht diese falsche Prämisse schuld, sondern die „Tatsache“, dass man die Liebe nun mal nicht festhalten kann. Vielleicht beteuern wir dauernd Ich liebe Dich, weil wir es sonst selbst nicht glauben?

 

So jagen wir einem Phantom nach, das wir selbst geschaffen haben, und wenn es nicht genauso rosa, explodierend, unausweichlich ist wie in der königlichen Klatschpresse, ist es eben keine Liebe, schon gar nicht die Große, die so selten ist, dass kaum jemand sie je erblickte. Von dieser Voraussetzung ausgehend sind wir meistens unglücklich, und genau das behaupten ja viele. So gesehen ist die Betrachtung der Liebe in unserer Kultur eine Grausamkeit. Sollte es sie doch geben, dann bringe man sie mir bitte vorbei: Fünfter Stock, rechts.

 

 

 

 

© Gabriele Bärtels 2008 --------------------- Das Kopieren des Textes ist nicht erlaubt.