Der Tastendrücker

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erschienen in BERLINER ZEITUNG

 

 

Die Verkümmerung des Großstadtmenschen

 

Der moderne Mensch genießt seine Errungenschaften. Er schiebt eine Tiefkühlpizza in den Hightech-Herd, die er nicht selbst belegen musste. Sie ist in zehn Minuten fertig, denn er brauchte auch kein Holz zu suchen, keine Kohlen zu schleppen. Heute geht doch alles auf Tastendruck, und in absehbarer Zeit bestimmt mit bloßem Augenzwinkern.

 

Der Mensch findet es toll, wenn bald Roboter seinen verkrümelten Teppich absaugen, und der Kühlschrank selbst bestellt, womit er ihn gefüllt haben möchte. Er weiß auch schon, wie das Wetter wird, denn er hat es im Internet nachgeguckt. Der angekündigte Sonnenschein kommt ihm recht, weil er einen Ausflug machen will. Das Navigationssystem leitet ihn nicht nur geradewegs zum Ziel, sondern nennt ihm auch Baustellen und Restaurant-Adressen, jubeln die Marketingdirektoren auf Computermessen.

 

Das klingt alles so banal, dass einem nichts auffällt. Es ist ja auch ein schleichender Prozess. Erst wenn sich einmal ein längerer Stromausfall ereignen sollte, würde deutlich werden, wie weit er schon fortgeschritten ist: Unsere Städte sind voller Menschen, die zwar Knöpfe drücken, Mäuse klicken oder mit den Augen zwinkern können, aber sonst rein nichts.

 

Ich bilde mir ein, noch jung zu sein, doch ich bin schon alt, denn das wird man spätestens dann, wenn man beginnt, von früheren Zeiten zu erzählen. Meine gehen so:

 

Ich weiß noch, wie man Socken stopft, denn meine Großmutter hat es uns beigebracht, und das war auch nötig, denn man kaufte nicht einfach neue und warf die alten weg, die ja überall noch gut waren, nur an den Zehen nicht. Mir ist bekannt, wann und wie man Saat auf dem Gemüsebeet ausbringen muss, um im Sommer Salat und Mohrrüben zu ernten. Wenn ich in den Himmel schaue, die Luft erschnuppere, kann ich etwa einschätzen, wie das Wetter wird. Um nicht zu viel oder zu wenig Nahrung zu mir zu nehmen, brauche ich weder Waage noch Kalorientabelle, und zur Not komme ich zu Fuß auch in den sechsten Stock. Kein Pulsmesser muss mir anzeigen, wann ich zu schnell laufe, wann zu langsam. Ich bin fähig, Landkarten zu lesen, ohne Kompass die ungefähre Himmelsrichtung anzugeben und auf der Blockflöte Alle meine Entchen zu spielen. Und - ich kann Pizza-Teig machen, weil ich weiß, wie man die Hefe im Mehl zum Blasenwerfen bringt. Oder besser: Ich weiß schon mal, wozu Hefe überhaupt gut ist.

 

Alles vollkommen unnütze, ja zeitraubende Fertigkeiten in der Großstadt, in der zukünftig der überwiegende Teil der Menschheit leben wird, folglich macht man kaum noch Gebrauch davon, sondern kauft sich einen Hefezopf. Die meisten Einwohner werden diese, wie auch zahlreiche andere handwerkliche Fähigkeiten gar nicht mehr lernen, und wenn sie einmal eine Generation lang nicht weiter gegeben wurden, sind sie als Allgemeingut futsch.

 

Macht nichts: Ein Tastendrücker muss schließlich nur das Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Fertiggericht finden, um zu beurteilen, wie genießbar es noch ist. Er braucht einen Toaster mit losem Kabel nicht mehr aufzuschrauben, um seine Funktionsweise zu erkunden – nein, er schickt ihn ein und kriegt einen neuen. Keilriemenwechsel, Apfelmus kochen, Kopfrechnen, mit der Hand schreiben - alles weitgehend ausgestorben, manches davon nicht freiwillig, doch das ändert an der Tatsache nichts, und auch nicht an den folgenden:

 

Auf ihren Wegen finden Großstädter alle zehn Meter eine Bushaltestelle oder U-Bahn-Station. Treppen sind zugunsten von Fahrstühlen ohnehin seit langem in den Hintergrund gedrängt. So kann es geschehen, dass viele am Tag keine 500 Schritte mehr tun, während praktisch jeder schon mal Ältere hat erzählen hören, wie sie kilometerweit zu Fuß durch hohen Schnee zur Schule gestapft sind.

 

Heute platzen sie wie Engerlinge aus ihren Trainingsanzügen, die zwar sportlich aussehen, es jedoch von selbst nicht ist, und wenn sie sie abgelegen, entpuppt sich wahrhaftig nicht die Krönung der Schöpfung. Der Leiter der US-Gesundheitsbehörden fragte vergangenen Herbst: „Wo werden wir unsere Soldaten und Seeleute und Flieger herbekommen, unsere Polizisten und Feuerwehrleute finden, wenn die heutigen Kids vor der Prognose stehen, dass sie fettleibig und im Erwachsenenalter herzkrank und anfälliger für Krebs und eine ganze Reihe anderer Krankheiten werden?"

 

90 Prozent der männlichen Amerikaner und 70 Prozent der weiblichen sind laut einer großangelegten Studie davon bedroht. Wozu brauchen die da in Übersee noch Feinde im Ausland? Und hier bei uns verteilt die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt Schrittzähler und sagt dazu: „Schon regelmäßiges Gehen ist ein wirksames Ausdauertraining.“ Solche Sätze drücken eine Prämisse aus, die eine Bankrotterklärung für die Menschheit ist, die sich alle Mühe gibt, sich vom Tier entschieden zu weit zu entfernen, dahin, wohin sich noch keine Kreatur fortentwickelt hat: Krank, fett, ohne Puste und Geschick. Die Natur merzt solche Lebewesen eigentlich ziemlich flink aus. Aber wir leben ja gar nicht mehr in der Natur.

 

In der Großstadt gibt es Kleinkinder, die fangen an zu weinen, wenn ihre bloßen Füße einen Rasen berühren, denn solchen kitzeligen Untergrund kennen sie nicht. Es gibt Schulmädchen, die keine logische Verbindung zwischen den Milchkartons aus dem Supermarkt und einer Kuh herstellen können, geschweige denn haben sie eine Ahnung, wie man dieses Tier melkt. Sie wissen nicht mal mehr, was Hunger mit Essen eigentlich zu tun hat.

 

Es ist menschlicher Nachwuchs, der keine Purzelbäume mehr schlagen, nicht rückwärts laufen kann, nie allein durch einen Wald gestreift ist, um aus herabgefallenen Ästen Hütten zu bauen. Viel zu gefährlich, würden die Kindergartentanten sagen. Die Spielräume der Großstadt-Kleinen sind vorgefertigte Plastiklandschaften, mit tausend Sicherheitssiegeln versehen.

 

Ein elfjähriger Junge aus Kreuzberg war in den Ferien bei den Großeltern seines besten Freundes auf dem Land eingeladen. Als er zurückkam, schwärmte er: „Das ist toll. Man kann ganz weit laufen, und findet immer wieder nach Hause.“

 

So verloren fühlt sich ein Kind in Großstadtschluchten. Bestimmt entwickelt es kein Gefühl für Entfernungen und sich selbst im Raum, wenn es ihm nicht einmal gelingt, der Größte zu sein, zum Beispiel, weil es auf einen Baum klettert. Immer noch würden Hochhäuser ihre Schatten auf seinen kleinen Körper werfen. Wie soll ein Kind, das nie ein Gewitter von weitem kommen sah, einen aus dem Nest gefallenen Vogel fand, ein Verhältnis zur Natur entwickeln, aus der es doch von Kopf bis Fuß besteht? Dafür kann es aber schon ganz früh irrsinnig schnell SMS schreiben.

 

Zieht man mal die gröbsten Begleiterscheinungen ab, sind die Jahreszeiten, dieser bedeutsame Kreislauf, in der Großstadt weitgehend ausgeklammert und zu Events verkommen. Billigblumen-Ketten degradieren den Frühling zum Tulpen-Happening. Landauf, landab stehen nahezu maschinell gefertigte Blumen gleicher Farbe, gleichen Maßes in den Vasen. Man sucht keine Grünfläche mehr auf allen Vieren ab, um einen vierblättrigen Glücks-Klee zu entdecken - den kriegt man an jeder Ecke mit einer Fertig-Geschenkschleife versehen in kleinen Töpfchen. Die Leute kaufen Flieder für den Balkon, und wenn er im Mai nicht sofort blüht, werfen sie ihn in den Müll, ohne zu berücksichtigen, dass die Jungpflanze vielleicht erst mal ein Jahr austreiben muss.

 

Und Regen ist grundsätzlich Mist.

 

In den Städten droht der Tastendrücker jedes Verhältnis zu seinem Körper, seiner Umwelt zu verlieren. Anstatt selbst eine prächtige Schleife zu binden, zieht er es vor, in totaler Reglosigkeit mit dem Joystick Zehnkämpfer durch programmierte 3D-Urwälder zu bewegen, die an seiner Stelle ausdauernd gegen wilde Mächte kämpfen. Wie das eigentlich funktioniert, entzieht sich seiner Kenntnis. Er selbst könnte über keinen Balken balancieren, geschweige denn ein Lagerfeuer entfachen oder einen Pullover stricken. Und wenn er mal ein analoges Abenteuer sucht, schlägt er über die Stränge, weil ihm das Gespür für echte Gefahr abgeht.

 

Er weiß ja nicht einmal mehr, ob er satt oder hungrig, gesund oder krank ist, braucht für alles Ratgeber und Listen, die ihm Gefühls- und Verhaltensrichtlinien vermitteln, hat seine Sicherheit, innere Uhr, Messlatten, Maßstäbe an diese verloren oder delegiert und tendiert wieder mehr zum Glauben, zum Beispiel an das, was einer im Fernsehen sagt, von dessen Zuverlässigkeit er sich persönlich nie überzeugen konnte. Doch das fällt ihm nicht weiter auf, weil er es gewohnt ist, im intensivem Kontakt mit seinen fiktiven Fernsehfamilien zu stehen, und dies zusehends häufiger als mit echten Bekannten.

 

Auch im Internet wimmelt es von Leuten, die sich Illusionen übereinander machen, die sie mit ihren brachliegenden Sinnen nicht mehr überprüfen. Dort geknüpfte menschliche Verbindlichkeiten werden bei der leisesten Irritation mit der Enter-Taste gelöst. Und wenn der Tastendrücker eine Auskunft benötigt, gibt es für seine Frage keine persönliche Antwort mehr, sondern nur noch die Seite mit den frequently asked questions. So verlernen die Tastendrücker schließlich auch noch den Umgang miteinander, ihrem eigenen Fleisch und Blut und entwickeln libidinöse Verhältnisse zu Maschinen.

 

Solange der Strom nicht für längere Zeit ausfällt, ist das alles eigentlich nicht schlimm, denn ein großer Teil dieser Leute wird ohnehin nicht mehr gebraucht. Die Apparate, die sie selbst erfunden haben, entheben sie nun jeder Notwendigkeit, eine Handreichung auszuführen, eine Fertigkeit einzuüben, ein Talent zu entwickeln. Politische, wirtschaftliche, technische, natürliche Zusammenhänge können sie nicht mehr beurteilen, weil ihnen die Kenntnis sämtlicher Parameter und eigene sinnliche Erfahrungswerte fehlen. Das haben alles ein paar Spezialisten übernommen. Von denen kann man es mit einem Mausklick kopieren. Wozu selbst noch etwas schaffen, es wird ja alles fertig angeboten.

 

So werden sie den Rest ihres Lebens in rauen Großstädten bei schmalen Bezügen die Errungenschaften der Menschheit genießen. Herzlich willkommen im Paradies.

 

© Gabriele Bärtels 2008  ----------------------------------Das Kopieren des Textes ist nicht erlaubt.