Was ihnen übrig bleibt

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erschienen im TAGESSPIEGEL

 

 

 

 
Eine Geschichte über Nachbarschaft
 
 

Im letzten Sommer stand Erna Bochow, geboren 1907, noch wie eine zierliche Zinnsoldatendame am Aufzug, den Spazierstock fest in ihren knochigen Händchen, das weiße Haar akkurat frisiert. Begegnete ihr ein anderer Mieter und grüßte, knurrte sie kurz, lieferte jedoch keine weiteren Anhaltspunkte für ein Schwätzchen. Sie trug eines ihrer vanillegelben oder zartrosa Häkelkostüme und trippelte mit ihrer hellen Handtasche am Arm langsam zu einem First-Class-Hotel um die Ecke, wo sie sonntags gewöhnlich Kaffee und Kuchen zu sich nahm. Das Hotel schickte ihr zu Weihnachten ein Kärtchen. Das wird dieses Jahr nicht mehr ankommen, denn Frau Bochow ist nun im Pflegeheim, ihre Wohnung wird aufgelöst und ihre Dauerwelle nicht mehr erneuert.

 

Frau Bochow lebte fünfzig Jahre im gleichen Haus, aber mit den anderen Bewohnern hat sie sich nie angefreundet. Ihre Art war etwas schroff, und es schien, als müsse sie ihr Haben und Sein ganz allein gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wenn die Nachbarin aus dem Fünften die Balkonblumen goss, und es fiel auch nur ein Wassertropfen auf Frau Bochows Geranienkästen, dann konnte man sie laut und böse schimpfen hören. „Was soll das? Hören Sie sofort auf!“ Sonst hörte man nie etwas von ihr, wusste nicht viel mehr, als dass sie hier mit ihrem zweiten Mann eingezogen war, den sie 1948 geheiratet hatte, nachdem der erste früh verstorben war.

 

Früh verstorben sind auch ihre drei Geschwister. Frau Bochows Tochter ist vor fünfzehn Jahren einem Krebsleiden erlegen. Vor sechs Jahren hat dann auch ihr Mann, ein ehemaliger Mechaniker, die Augen zugetan. Übriggeblieben ist nur eine schmale Hinterbliebenen-Rente. In ihrer Jugend prophezeite eine Wahrsagerin Frau Bochow, dass sie sehr alt werden würde. „Wozu?“ raunzt Erna Bochow.

 

Im Erdgeschoss lebt die Hausmeisterin mit ihrem Bruder und ihrer Tochter Annelie Schnelle, einer unauffälligen Frau, deren roten Händen man ansieht, wieviel sie gearbeitet haben. Ihre Söhne sind erwachsen, sie ist nun auch schon fünfzig und geschieden. Ihren gelernten Beruf als Kellnerin kann sie nicht mehr ausüben, weil Rücken und Füße kaputt sind. Eine andere Arbeit gibt es nicht, aber sie ist zu jung und zu fleißig, um auf dem Sofa zu enden. So hat es sich ergeben, dass ihr Onkel für die alte Dame einkaufen ging, während Annelie Schnelle die Wohnung aufräumte, die Erna Bochows Hausfrauenstolz und ihre Muschel war.

 

Dort stehen in einer Vitrine Kristallgläser und Nippes aus Porzellan. Auf den Blümchentapeten hängen geknüpfte Teppiche mit Vasenbildern. Den Wohnzimmertisch schmückt ein Seidensträußchen. Die Kissen sind bestickt. In den Schubladen stapeln sich Zeitungsartikel über Krankheiten und ein paar feine Tischdecken. Neben dem ordentlich abgestaubten Plattenspieler liegen LPs von Freddy Quinn. Von Erna Bochows zweiten Mann findet sich keine Spur mehr, nur auf den vielen gerahmten Fotos ist er präsent. In einem Notizheft ist eine Seite mit ihrer altdeutschen Schrift bedeckt, datiert im September 2001: Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so schlau als wie zuvor. So ist das Leben und so muss man es nehmen. Tapfer und unverzagt und lächelnd – trotz alledem. Ja, Gott ist meine Rettung. Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. In dem ansonsten leeren Heft stecken noch ein paar ausgeschnittene Fernsehzeitungs-Witze.

 

Mit diesen Resten ihres Lebens, ein paar Klatschblättchen und der Morgenpost, dem Fernseher und ihren Handarbeiten verbrachte sie die letzten Jahre. Sie schwieg die meiste Zeit.

 

Die Hausmeisterin war es, die dann entschlossen sagte: „Wenn ich für drei koche, bleibt genug für einen vierten übrig.“ Seitdem konnte man jeden Mittag pünktlich um zwölf ihren Bruder den Aufzug besteigen sehen. Er trug ein Tablett mit einem dampfenden Teller und klingelte dreimal bei Frau Bochow. Der Frikadellen-Geruch zog durch den ganzen Flur.

 

Im Leben bleibt nichts, wie es ist, und im hohen Alter geht das schneller. Der Hausarzt schrieb Erna Bochow Pflegestufe 1 zu, und wegen ihres Zuckers musste sie jetzt Diätkost zu sich nehmen, die um zehn Uhr morgens in einer Warmhaltepackung vor ihrer Wohnungstür stand. Der Pflegedienst sollte täglich einmal kommen, doch weil er nicht pünktlich war, warf Frau Bochow ihn kurzerhand hinaus. Sie öffnete nun niemandem mehr. Nur Annelie Schnelle vertraute sie. Die bekam einen Schlüssel und jederzeit Zutritt.

 

So hat sie die Betreuung übernommen, ihr Batterien für das Hörgerät gekauft, den Balkonkasten bepflanzt, sie zur Toilette gebracht, wieder zurück zum Sessel. „Sie ist stur. Wenn sie bockt, bockt sie oder schaltet ihr Hörgerät ab.“ Frau Schnelle sagt so etwas mit trockener, rauer Stimme. In ihren Augen ist ihre Fürsorge eine Selbstverständlichkeit.

 

Von rechts wegen hätte sie dafür ein Entgelt bekommen sollen, aber Frau Bochow hat es ihr nie ausbezahlt. Trotzdem ist sie dreimal täglich mit dem Aufzug nach oben gefahren, um nach der alten Frau zu sehen, die sonst nur noch vom Hausarzt besucht wurde. Sie stieg auch abends um neun wieder in ihre Puschen, um Beschwerden einer Nachbarin nachzugehen, denn durch die dünnen Wände hörte man Frau Bochows Fernseher ohrenbetäubend. Dann schloss Frau Schnelle auf, trat ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher aus, nahm Erna Bochows dünne, weiße Hand, neigte sich zu ihrem Ohr mit dem Hörgerät und rief hinein: „Frau Bochow, die Batterien sind zu Ende. Soll ick ihr neue einlegen? Die Nachbarin oben beschwert sich. Sie dürfen nicht so laut machen.“ Frau Bochow, in ihrem pastellfarben geblümten, wattierten Bademantel nickte nur, winkte ab, raunzte wegwerfend: „Ach die Nachbarn!“, und ließ sich dann ins Bett führen.

 

Auch wenn es ihr manchmal zuviel wurde, ist Annelie Schnelle Weihnachten, Silvester und Ostern zuhause geblieben, denn wer sonst hätte sich um die Greisin kümmern sollen? Jeden Nachmittag um vier hat sie in deren Küche Kaffee gekocht und sich am Wohnzimmertisch eine Stunde aus ihrer Jahrhundertvergangenheit erzählen lassen, von der Tochter, der Österreich-Reise, dem Campingplatz, dem Großraumbüro, in dem sie als junges Mädchen vor dem Krieg als Stenotypistin einen Hörschaden erlitten hatte. Und die rotzige, stolze, alte, winzige Dame mit dem Gesicht aus hunderttausend Falten legte ihre Hände in die der Hausmeisterstochter, ihre Knopfaugen strahlten wie ein ganz junger Sonnenaufgang. „Freut mich. Freut mich“, sagte sie schnarrend. Frau Schnelle freute sich auch.

 

Sie war es, die dafür sorgte, dass Frau Bochow ins Krankenhaus kam, nachdem sie sie abends mehrmals reglos auf dem Teppich liegend gefunden hatte, weil die alte Dame vergessen hatte, ihre Zuckertabletten zu nehmen.

 

Während ihr Onkel den Kühlschrank von Frau Bochow abtaute, besuchte Frau Schnelle die Kranke jeden Tag, brachte ihr den rosa Schal und frische Batterien. Sie versuchte vergeblich, den Schwestern mitzuteilen, dass sie die einzige sei, mit der Frau Bochow wirklich redete, sie zwar sehr störrisch sei, aber hellwach. Sie fragte nach ihrem Zustand, aber man gab ihr keine Auskunft. Eines Tages kam sie auf die Station, da war Frau Bochows Bett leer und frisch bezogen.

 

Niemand hatte Annelie Schnelle mitgeteilt, dass Frau Bochow in ein anderes Krankenhaus verlegt worden war. Niemand wollte mit ihr über Frau Bochows Zukunft sprechen, oder über die Wohnung oder die Rechnungen, die sie aus dem Briefkasten der alten Dame holte. Das schichtweise wechselnde Personal hatte wie überall zuviel zu tun, und Annelie Schnelle war sowieso keine Angehörige.

 

Wenn sie ihr neue Zeitschriften brachte und ihre Hand hielt, schnarrte Frau Bochow: „Nehmen Sie alles raus, was Sie brauchen. Ich will nicht mehr nach Hause.“

 

Nach ein paar Wochen erfuhr Frau Schnelle auf hartnäckiges Nachfragen, dass Frau Bochow wieder heimkehren sollte, nun mit Pflegestufe 3. „Aber sie will nicht mehr nach Hause. Sie kann ja nicht einmal mehr allein zur Toilette. Sie kippt dauernd um. Es reicht nicht, wenn täglich dreimal ein Pfleger kommt. Sie wird ihn sowieso rauswerfen. Ich kann doch nicht den ganzen Tag bei ihr sitzen. Und mit ihren Tabletten ... davon versteh ick nüscht.“ Doch diese Einwände interessierten niemanden, denn Frau Schnelle sagte dies alles nicht laut, und wer hätte sie auch fragen sollen.

 

Es musste sich erst ein anderer Nachbar einschalten, der fordernder auftrat, bis sich eine Sozialarbeiterin im Krankenhauses des Falles annahm, Frau Schnelles Telefonnummer notierte und sich alle Umstände erzählen ließ. Die leitete dann auch den Übergang der alten Dame in das Pflegeheim ein, das nur eine Etage höher liegt.

 

In einem Zweibett-Zimmer sitzt Erna Bochow nun den Rest ihres Lebens ab. Im schmalen Spind hängen die Sachen, die ihr die Hausmeisterstochter gebracht hat. Es ist nur ein Bruchteil dessen, was sie besaß. Ihr Gesicht ist zum Fenster gewandt und sie bewegt sich nicht, sagt auch nichts. Wegen ihrer Lunge darf sie nicht liegen, doch sie sitzt auf Haut und Knochen, und das tut weh. Wenn sie etwas nicht essen oder hören will, hat das Personal keine Chance: Der neue Pflegefall wird dann laut und böse.

 

Die Sozialarbeiterin hat einen Antrag für das Sozialamt ausgefüllt, denn die Heimkosten übersteigen Frau Bochows Rente bei weitem. Ersparnisse gibt es nicht, nur für eine ordentliche Beerdigung ist vorgesorgt. Sie durchblättert die Kontoauszüge, reicht die Heiratsurkunde zurück. „Die brauche ich nicht.“ Frau Schnelle weiß auch nicht, was sie damit machen soll. Es ist ihr gelungen, Frau Bochow zu wichtigen Unterschriften zu bewegen, aber vorher liest die Greisin die Formulare mit scharfem Blick. Eine Pflegschaft ist beantragt, doch es wird Monate dauern, bis Frau Schnelle in Frau Bochows Namen handeln kann. Sie wird dafür kein Geld erhalten, doch ein Fremder soll es nun auch nicht machen.

 

Sie meint, dass Frau Bochow ein starkes Herz hat und noch eine Weile leben wird, selbst wenn sie nicht mehr will. Jeden Nachmittag geht sie sie für eine halbe Stunde besuchen, nur dass es jetzt Fahrgeld kostet. Sie erzählt ihr nicht, wie schwierig es ist, die GEZ zu kündigen, das Telefon, sich in Frau Bochows Papieren zurecht zu finden. Dass sie sich fragt, wie man denn nun eine ganze Wohnung ausräumt und dass die alten Schuhe schon im Müll sind. Es interessiert Frau Bochow auch nicht.

 

Wenn sie das Zimmer im Pflegeheim betritt, erwacht die alte Dame aus ihrer Starre, und ihr Vogelgesicht wird von einem Lächeln überflutet.

 

„Sie sehen hübsch aus!“ sagt Annelie Schnelle.

 

Frau Bochow schnarrt: „Was nützt mir das?“

 

Frau Schnelle beugt sich über ihr Ohr: „Ick hab Ihr Kissen mitgebracht. Wissen Sie - das schöne.“

 

„Freut mich. Freut mich.“

 

Frau Schnelle öffnet den Spind. „Da bring ick aber morgen einen Pullover zum Wechseln mit.“

 

Frau Bochows strenge Stimme: „Wechsel? Bei mir ist jeder Tag gleich.“

 

Frau Schnelle bückt sich. „Hier sind warme Socken. Sie frieren sonst doch.“

 

Frau Bochow greift nach ihren Händen: „Ja, ja, man sitzt nur da.“

 

 

 

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